Herr Prof. von Weizsäcker, in Ihrem Buch „Faktor fünf“ beschreiben Sie viele Beispiele, wie sich der Ressourcenverbrauch verringern lässt. Teilweise sind diese Lösungen verblüffend einfach umzusetzen, etwa eine Isolierung, die aus Sonnenlicht auf Südfassaden Wärme generiert. Warum hat trotzdem auf breiter Front noch kein wirklicher Paradigmenwechsel stattgefunden?
Ernst Ulrich von Weizsäcker: Weil die Kapitalrendite beim Wegrationalisieren von Arbeitsplätzen normalerweise noch höher ist als die beim Wegrationalisieren von Kilowattstunden. Zudem hat sich in den vergangenen 15 Jahren auf den Finanzmärkten die Doktrin durchgesetzt, dass eine Kapitalrendite von weniger als zehn Prozent nichts wert sei. Eine Verbesserung der Energieeffizienz von Gebäuden oder Autos bringt aber oft nur fünf Prozent. Ressourceneinsparung lohnt sich also noch nicht in dem Maß, in dem sie es sollte!
Insbesondere mit Blick auf den Wirtschaftsstandort Deutschland: Was muss politisch passieren, damit ressourcenschonende Produktionsbedingungen es leichter haben, sich durchzusetzen?
Ernst Ulrich von Weizsäcker: Dass die Ressourcen unseres Planeten endlich sind, ist eine Tatsache. Diese ist aber noch nicht stark genug im Wählerbewusstsein verankert. Dafür zu sorgen, ist die Aufgabe von Medien und Pädagogen. Auch die Politik sollte dieser Tatsache mehr Beachtung schenken und sie bei politischen Entscheidungen, der Vergabe von Aufträgen und der Gesetzgebung berücksichtigen. Dazu gehört es auch, Anreize für die Wirtschaft zu schaffen und die Forschung entsprechend zu fördern.
Sie beschreiben das sogenannte Rebound-Dilemma. Das kurz gesagt bedeutet, dass Ressourceneinsparung durch mehr Effizienz in der Regel durch mehr Konsum aufgefressen wird. Welche anderen Wege aus dem Rebound-Dilemma außer einer Langfrist-Ökosteuer gibt es noch?
Ernst Ulrich von Weizsäcker: Zunächst darf das Phänomen nicht weiter geleugnet werden. Ein Weg dem abzuhelfen, könnte eine schrittweise Verteuerung von Energie und anderen ökologisch problematischen Ressourcen sein.
Wie beurteilen Sie das Angebot staatlicher Fördermöglichkeiten, wenn es um die Entwicklung neuer ressourcenschonender Technologien/Produktionsverfahren geht?
Ernst Ulrich von Weizsäcker: Leider ist der finanzielle Spielraum in unseren Tagen sehr klein.
Welche Rolle spielt die Akzeptanz der Verbraucher für ressourcenschonende Produktionsverfahren und Endprodukte – die mitunter eben auch mehr kosten könn(t)en?
Ernst Ulrich von Weizsäcker: Eine große Rolle. Es ist keineswegs immer teurer. Zwar sind Ökonahrungsmittel pro Kilo teurer, aber es wird weniger weggeworfen. Und wenn man weniger Fleisch isst, wirkt sich das positiv auf die Gesundheitskosten aus. In der Summe ist es eher billiger.
Im Übrigen besteht der Charme einer langsamen Verteuerung von Energie und anderer Ressourcen darin, dass ressourcenschonende Verfahren und Produkte ihre Konkurrenten ökonomisch immer mehr ausstechen.
Was ist notwendig – insbesondere beim Verbraucherverhalten – damit beim Bau oder der Sanierung von Gebäuden Effizienz und Ressourcenschonung endlich wichtigere Faktoren werden?
Ernst Ulrich von Weizsäcker: Zinsbegünstigte Kredite von Förderinstituten für ökologisch sinnvolle Baumaßnahmen haben einen guten Anfang gemacht. Aber man stelle sich einmal vor, welche Forderungen bei Bauprojekten in den Vordergrund rückten, wenn man davon ausgeht, dass Energie über Jahrzehnte langsam immer teurer wird. Dann wird die Effizienzsanierung beim Kredit-Gespräch zum Selbstläufer, und das deutsche Handwerk wird von Jahr zu Jahr kompetenter in Energiefragen.
Wie sieht ressourcenschonendes Verhalten bei Ihnen ganz privat aus?
Ernst Ulrich von Weizsäcker: Bezüglich Flugreisen bin ich eine Katastrophe; es ist aber nicht ganz einfach, in China Wirkung in Sachen Ressourceneffizienz zu erzielen, ohne dort zu sein. Allerdings ist unser Haus ein Passivhaus, und unsere siebenköpfige Drei-Generationen-Familie hat nur ein Auto und kauft Lebensmittel vom Ökomarkt vor Ort.



